Eike Geisel

Die Banalität der Guten

Nachruf auf den Publizisten Eike Geisel

von Klaus Bittermann

1945 geboren, paßte Eike Geisel nicht in das Bild, das die Öffentlichkeit von den Achtundsechzigern hat, die angeblich überall in der Gesellschaft den Ton angeben. Eike Geisel hatte sich nicht auf den langen Marsch durch die Institutionen begeben, um eine A 13?Stelle mit Pensionsanspruch zu ergattern. Zwar hatte er gegen eine solche nichts einzuwenden, aber er besaß weder die Geduld noch die Zähigkeit, eine Karriere einzuschlagen, bei welcher der Erfolg durch Verbitterung erkauft wird. Daß es andere taten, warf er ihnen nicht vor, er mochte sich bloß nicht damit abfinden, daß mit dem schleichenden Einrichten der ehemaligen Genossen in der Bundesrepublik der freiwillige Verzicht auf Kritik an ihr einherging. Aus erklärter Feindschaft gegen den Staat wurde die Sorge um sein Ansehen in der Welt, mit dem Effekt, daß die Umstürzler von einst sich zum Objekt ihrer Fixierung nunmehr wie Kosmetikberater verhielten.
Man trat den Beweis für die These an, daß das Einverständnis mit dieser Gesellschaft nur um den Preis der eigenen vorzeitigen Verblödung möglich ist. Die Intellektuellen verhielten sich schon vor der Wiedervereinigung als ihrem nationalen Erweckungserlebnis so, als ob sie Adorno auch dreißig Jahre später noch bestätigen wollten: "Der Glaube an die Nation", hatte Adorno 1960 geschrieben, "ist mehr als jedes andere pathische Vorurteil die Meinung als Verhängnis; die Hypostasis dessen, wozu man nun einmal gehört, wo man nun einmal steht, als des Guten und Überlegenen schlechthin. Er bläht die abscheuliche Notstandsweisheit, daß wir alle im gleichen Boot sitzen, zur moralischen Maxime auf. Gesundes Nationalgefühl vom pathischen Nationalismus zu scheiden, ist so ideologisch wie der Glaube an die normale Meinung gegenüber der pathogenen; unaufhaltsam ist die Dynamik des angeblich gesunden Nationalgefühls zum überwertigen, weil die Unwahrheit in der Identifikation der Person mit dem irrationalen Zusammenhang von Natur und Gesellschaft wurzelt, in dem die Person zufällig sich findet." Man wußte es einmal besser und machte sich dennoch gemein mit dem Gegenstand der Verachtung, die man gegenüber Leuten empfunden hatte, die mit der nationalen Phrase hausieren gingen. Zwar ließ sich gegen die Rauner des Nationalen und der Wiedervereinigung mit Polemik wenig ausrichten, aber es bereitete Eike Geisel dennoch großes Vergnügen, die als "Identitätssuche" veredelte Anbiederei bloßzustellen, um zu demonstrieren, wie überaus eifrig die Intellektuellen ihren eigenen Bankrott bewerkstelligten. Vor allem, wenn ihre unheilbare Liebe für den Befreiungskampf des palästinensischen und irakischen Volkes entflammte und sie sich als Nationalisten und Antisemiten entpuppten, befanden sie sich in einer Tradition, die ihrer Überzeugung nach schon lange vorüber war, derzufolge die Vergangenheit verarbeitet sei und die Deutschen aufgeklärt und liberal wie nie.
Die Deutschen aber glichen einem begriffsstutzigen Kind. Sie zeigten sich "resistent gegen jede Aufklärung über die eigene Vergangenheit". In den achtziger Jahren fing dann das Geschäft mit der Erinnerung zu boomen an, eine "unspezifische Erinnerungswut" (Clemens Nachtmann) setzte ein, aber die hatte nur wenig mit Einsicht oder Läuterung zu tun. "Verordnete Aufklärung", schrieb Eike Geisel, "ist so unsinnig wie die komplementäre Bereitschaft, an ihr wie durch massenhafte Verabredung organisiert teilzuhaben. Daß die Deutschen mit der nämlichen Betriebsamkeit, die sie einst beim Vernichten und dann beim Vergessen an den Tag gelegt hatten, sich nun an die eigene Vergangenheit machten, diesem Umstand haftet etwas Groteskes an. Erst in der beflissenen Erfassung der Nazizeit kommt Horkheimers Verdikt, er kenne kein verhärteteres Kollektiv in der ganzen Welt, zu seiner vollen Wahrheit. Gemünzt auf die geschäftige Verdrängung der Verbrechen, erfährt jenes Urteil gerade durch die treibende Kraft der deutschen Rückschau eine paradoxe Bestätigung. Denn in der eifrigen Materialsammlung und der sie begleitenden gefühligen Anschauung wurde aus der Besinnung auf den Nationalsozialismus eine neue Besinnlichkeit und der Verstand wurde vom Verständnis abgelöst [...] Gerade die offenherzige Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ging reibungslos konform mit wachsendem Ausländerhaß und parteiübergreifendem Patriotismus, wohingegen wahrhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzig darin bestünde, den notorischen Zusammenhang zu kündigen."
Aus den Nachhilfestunden, die man den Deutschen in den letzten Jahren anläßlich zahlreicher Pogrom- und Vernichtungsjubiläen verabreichte, wurde ein Intensivkurs, von dem immerhin soviel hängen blieb, daß man einen gewissen heimlichen Stolz auf eine Tat entwickelte, die weltweit für soviel Kontroversen sorgte, mit deren Erforschung zahllose Wissenschaftler beschäftigt waren und die einen lukrativen Erwerbszweig hervorgerufen hatte, das "Shoabusiness", wobei Eike Geisel seine Beteiligung an diesem Geschäft, welcher man auch in aufklärender Absicht nicht entgeht, nie in Abrede stellte. Aus den begriffsstutzigen Deutschen wurden Experten, und die Experten meldeten eine Art Copyright auf die "Shoa" an - "Auschwitz bleibt deutsch" -, während andere Experten wiederum jedes kleinere Massaker schon mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gleichsetzten. Eike Geisels Kritik am deutsch?jüdischen Verständigungsquatsch einerseits, der auf Tagungen evangelischer Akademien zelebriert wurde, und andererseits an der weitverbreiteten Auffassung, daß Auschwitz eigentlich eine "Besserungsanstalt" gewesen sei, aus der die Juden geläutert hätten hervorgehen müssen, was leider nicht der Fall war, weshalb die Deutschen glaubten, die Juden ihrer besonderen Fürsorge unterziehen zu müssen, Eike Geisels Kritik an diesen Haltungen hatte einen Ausgangspunkt. Dieser Ausgangspunkt bestand in dem Beharren auf der Unversöhnlichkeit von Täter und Opfer, zwischen denen es nach der "vollendeten Sinnlosigkeit", wie Hannah Arendt einmal das System der Konzentrationslager genannt hat, keine Verständigung geben konnte, d.h. die Ablehnung aller Versuche, sich den Opfern "anzunähern", um sich ein gutes Gewissen zu machen, die Absage an den Verständnisschmus, der um so intensiver gepflegt wird, je weniger es auf ihn ankommt.
Trotz Bezugnahme auf das tagespolitische Geschehen wirken Eike Geisels immer auch als Invektiven gemeinten Artikel selbst mit einem zeitlichen Abstand von drei bis fünf Jahren nie antiquiert. Davor bewahrt sie der sarkastische Ton, der nie selbstgefällig oder artifiziell ist, und der zur hohen Kunst gebrachte apodiktische Stil, der dazu führte, daß sich Rezensenten seiner Bücher nie besonders wohl fühlten. Empfindet einer im Neuen Deutschland die "Bösartigkeit des Autors" noch als "wohltuend", fragt er sich vier Zeilen später pikiert, "wie weit Kritik an der israelischen Politik gehen darf, ohne daß er [Eike Geisel] sie als antisemitisch bewertet?" Ausgewogene Artikel zu schreiben, wäre Eike Geisel sinnlos erschienen, denn er wollte nicht das Für und Wider abwägen, sondern Reaktionen provozieren in dem Wissen, daß sich im Streit nachhaltiger Erkenntnisse gewinnen lassen als in der lauen Beipflichtung des status quo. Seinen Aufsätzen wurde in der Regel "Kälte" und eine "bemerkenswerte Herzlosigkeit" attestiert. Die gleichen Vorwürfe hatte man auch Hannah Arendt gemacht. Die Redakteure, die er belieferte, waren von der "begnadeten Niedertracht seines gewitzten Stils" (SFB) beeindruckt, denn endlich mußten sie ihren Job einmal nicht als Strafe empfinden. Nur drucken wollte man die Artikel in der bürgerlichen Presse in der Regel dann doch lieber nicht, denn damit hätte man sich Ärger eingehandelt. In Israel hingegen, wo einige Arbeiten Eike Geisels in der großen Tageszeitung Ha'aretz veröffentlicht wurden, gibt es zwar nicht unbedingt eine bessere öffentliche Meinung, aber die Angst vor ihr, bzw. vor den Abokündigungen, hat noch nicht dazu geführt, daß man sich ihr panisch unterwirft und ihre Ressentiments teilt, indem man Verständnis für diese aufbringt.
Trotz dieser unerfreulichen Auseinandersetzungen, die oft mühseliger waren, als die Artikel zu schreiben, landete Eike Geisel mit einem seiner letzten Artikel einen Coup, der im Leben eines freien Autors nicht sehr häufig vorkommt. Eike Geisel hatte das Buch "Auge um Auge. Opfer des Holocaust als Täter" von John Sack, eine Übersetzung aus dem Amerikanischen, in der Frankfurter Rundschau (die taz hatte den Artikel abgelehnt) als "Antisemitische Rohkost" vorgestellt. Bevor das Buch ausgeliefert wurde, zog der Piper Verlag es am 9. Februar 1995 zurück. Der Skandal war perfekt. Er wurde selbst in der New York Times und der Herald Tribune registriert. In der folgenden ausgedehnten Kontroverse waren die meisten Journalisten trotz der primitiven antisemitischen Töne John Sacks dem Überbringer der schlechten Nachricht nicht sehr freundlich gesonnen, weil viele von ihnen der dünnen These von der Angleichung der Opfer des Nationalsozialismus an die Täter eine gewisse Plausibilität abgewinnen konnten. Tagesspiegel, Welt, taz, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, ja sogar die Zeit, die den "Opfern der Opfer" nicht nur ein ganzes Dossier widmete, sondern auch einen Leserbrief John Sacks in den redaktionellen Teil hievte, waren sich einig, daß ein tapferer und wegen seiner jüdischen Herkunft unverdächtiger Autor zwar etwas naiv, aber durchaus verdienstvoll das "Tabuthema Vertreibung" behandelt habe, dem man sich, wie es in der taz hieß, "unverkrampft" nähern wollte. Zu diesem Thema nämlich könne man sich "entweder überhaupt nicht, oder wenn, dann (nur) unter permanenter Hinzufügung, daß die Vertreibung letztendlich eine Folge des von Deutschen begangenen Weltkrieges, von Auschwitz und den deutschen Verbrechen sei", äußern. Man will kein Blatt mehr vor dem Mund nehmen müssen und reden dürfen wie ein Vertriebenenfunktionär, insofern hat Eike Geisel diesen Journalisten zu ihrem coming out verholfen.
Die Debatte fand später im Streit zwischen Walser, Bubis und Dohnanyi ihre Fortsetzung, als vor allem der ehemalige Hamburger Bürgermeister sich hervorragend mit John Sack ergänzte, indem er die ebenso miese wie sinnlose Frage stellte, ob die "jüdischen Bürger" sich denn "so sehr viel tapferer als die meisten anderen Deutschen verhalten hätten, wenn nach 1933 'nur' die Behinderten, die Homosexuellen oder die Roma in die Vernichtungslager geschleppt worden wären." Als einige empörte Stimmen darüber laut wurden, daß Dohnanyi den Juden Auschwitz nicht verzeiht, beklagte sich der Politiker a.D. bitterlich über die "Inquisition", obwohl ihm niemand auch nur ein Härchen gekrümmt hatte. Und herablassend kommentierte er später, daß er nunmehr akzeptiere, daß die Juden nicht an diesem "Tabuthema" rühren wollten. Schade, daß es da keinen Eike Geisel mehr gab, der das kleine Geheimnis Dohnanyis verraten hätte, welches aus einer aparten Mischung aus Dummheit, Ignoranz, Aufgeblasenheit und Antisemitismus besteht.
Zahlreiche Pläne, die Eike Geisel immer gerne schmiedete und von denen er mit einer Begeisterung erzählte, die äußerst ansteckend wirkte, blieben unrealisiert. So z.B. ein Buch über jüdische Rächer nach 1945, das bei Rowohlt Berlin erscheinen sollte. Ein anderes Vorhaben, das nicht mehr mit seiner Beteiligung zustande kam, war ein drittes Bändchen seiner Aufsätze. Das Buch "Triumph des guten Willens" dennoch zu publizieren, mag dadurch gerechtfertigt sein, daß die Lektüre seiner "scharfsinnigen, sprachlich brillanten Essays" (FAZ) viel zu viel Vergnügen bereitet, als daß man sie in z.T. schwer zugänglichen Zeitschriften oder Katalogen vergilben lassen möchte. Zuletzt bemühte er sich um einen Lehrauftrag in den Vereinigten Staaten, den er zum einen mit Archivforschungen für sein Buchprojekt über jüdische Rache nutzen wollte, zum anderen hoffte er, mit der Ortsveränderung etwas Abstand von den immer unerträglicher und zäher werdenden Debatten in Deutschland zu gewinnen. Aber auch daraus wurde nichts mehr. Am 6. August 1997 verstarb er in Berlin.

Buchveröffentlichungen in der Edition Tiamat:

- Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken, Berlin 2015

- Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationaliserung der Erinnerung, Berlin 2002

- Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen, Berlin 1997

- Lastenausgleich, Umschuldung. Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays, Polemiken, Stichworte, Berlin 1984