Robert Kurz

Robert Kurz, geboren 1943, war Redakteur und Mitherausgeber der Theoriezeitschrift EXIT! (www.exit-online.org) und lebte als freier Autor in Nürnberg. Seine Arbeitsgebiete umfassten die Modernisierungs- und Krisentheorie, die kritische Analyse des kapitalistischen Weltsystems, die Kritik der Aufklärung und das Verhältnis von Kultur und Ökonomie. Robert Kurz starb am 18. Juli 2012 an den Folgen eines Operationsfehlers. Buchveröffentlichungen u.a.: "Der Kollaps der Modernierung" (1991), "Feierabend. Zwölf Attacken gegen die Arbeit", "Weltordnungskrieg" (2003).

Der letzte Marxist. Robert Kurz ist tot.
Robert Kurz war einer der letzten Marxisten, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, Marx ökonomische Analysen weiterzuentwickeln. Ob ihm das gelungen ist, darüber gehen die Meinungen selbstverständlich weit auseinander, denn Robert Kurz galt im linken Milieu, in dem Neid und Mißgunst häufig eine erstaunliche Rolle spielen, für die einen als Apokalyptiker, der mit seiner Zusammenbruchsprognostik nur die Sehnsucht der Menschen nach Weltuntergang bediente, für die anderen als unermüdlicher Werttheoretiker und kategorialer Kritiker des Kapitalismus. Er mußte sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, daß er seit über zwanzig Jahren das Platzen der Spekulations- und Finanzblase vorausgesagt hat, ohne daß dies zu dem ebenso gewünschten wie gefürchteten Ende des Kapitalismus beitrug. Robert Kurz hat jeden Fehdehandschuh aufgegriffen und in der Regel mit einer „gepfefferten Polemik“ reagiert. Er begriff sich nicht nur als stiller Wertschöpfer der Marxschen Theorie, sondern wich keinem Handgemenge aus, wenn ihm eine Debatte strategisch und taktisch wichtig genug erschien.
In Nürnberg und Erlangen der siebziger Jahre noch in einer der zahlreichen K-Gruppen aktiv, die der jüngeren Generation erklärten, wie die Partei- und Organisationsfrage richtig zu beantworten sei, überwarf er sich irgendwann mit seiner Partei und spaltete sich mit einigen Gleichgesinnten ab. Den Ort der internen Diskussion verließ er in den Achtzigern, als er in dem Nürnberger Stadtblatt „Plärrer“ eine geharnischte Polemik gegen die entpolitisierte Jugend vom Stapel ließ, die sich nur selbst bemitleidete.
Damals wurde ich auf ihn aufmerksam, und als die Wiedervereinigung ihren Lauf nahm und jeder dachte, daß der „deutsche Imperialismus“ durch die Einverleibung der DDR quasi außer Kontrolle geraten würde, widersprach Robert Kurz und wies nach, daß die marode DDR-Volksökonomie nicht zu Machtzuwachs, sondern zu extremen Bauchschmerzen in der BRD-Ökonomie führen würde.
Noch vor der Wiedervereinigung hatte er an seiner Studie „Der Kollaps der Modernisierung“ gearbeitet, die er mir zur Veröffentlichung anbot, als ich ihn um eine Analyse der ökonomischen Wiedervereinigungsprobleme bat, die dann auch unter dem Titel „Honeckers Rache“ erschien. Ich empfahl ihm „Die Andere Bibliothek“, weil diese Studie bei mir nicht die Aufmerksamkeit gefunden hätte, die sie dann durch die Herausgabe Enzensbergers fand. Raddatz lobte Robert Kurz in der „Zeit“ über den grünen Klee und machte Robert Kurz weit über die Kreise des linken Milieus hinaus bekannt. Sein Buch erschien u.a. in Brasilien, er wurde von dortigen Gewerkschaftskreisen zu Vortragsreisen eingeladen und er hatte eine monatliche Kolumne in einer großen Tageszeitung. Heiner Müller war ein Fan von ihm und lud Robert Kurz in die Volksbühne ein. Er wurde zum begehrten Gast auch von Unternehmern und Managern, die wahrscheinlich sein Werk mißverstanden hatten und nun glaubten, von ihm ein Rezept erfahren zu können, wie man die Krise meistern und dem Kollaps entgehen könnte.
Robert Kurz hat diesem „Rummel“ um seine Person immer mißtraut, weil er wußte, daß sein „Ruhm“ auch wieder verblassen würde. Solange es seine Gesundheit zuließ, arbeitete er zweimal in der Woche in der Nachtschicht beim Vertrieb des „Kicker“-Magazins, um finanziell unabhängig zu bleiben. Er rief zusammen mit anderen Leuten die Theorie-Zeitschrift „Krisis“ ins Leben, scharte Anhänger auch aus dem Ausland um sich, bis die Gruppe der Entwicklungslogik einer Gruppe folgte und sich spaltete mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen, die ein Familienzwist eben hervorruft. Unverdrossen gründete Robert Kurz mit dem ihm verbliebenem Anhang die neue Theorie-Zeitschrift „Exit“.
Robert Kurz war ein ebenso manischer wie gewissenhafter Theorieproduzent, der aus dem Stegreif und stundenlang Vorträge halten konnte oder erklären, welche Kapitel in seinem neuen Buch noch fehlten, welche sich verändert hatten und welche neuen dazukamen. Das konnte er jahrelang tun, wie bei einem Buch, dessen Erscheinen sich um sechs Jahre verzögerte. Und er hatte einen sympathischen Hang zu einer gewissen Hybris. Karl Marx hatte „Das Kapital“ geschrieben, Robert Kurz „Das Weltkapital“. Im Unterschied zu Marx hatte Kurz nur sechs Jahre dazu benötigt, seine Manuskripte befanden sich jedoch ebenfalls im Unterschied zu Marx in perfektem Zustand, als ob er sich auch formal von der Unordnung der Welt abgrenzen wollte.
Auch in der letzten großen Debatte innerhalb der Linken positionierte er sich. Er kritisierte die Antideutschen und deren Hang, vorbehaltlos der amerikanischen Politik zuzustimmen. Die traditionalistische Linke haßte er, und ihren Antisemitismus, wie er in der „jungen Welt“ manchmal gepflegt wird, verachtete er. Zuletzt schrieb er eine Kolumne im „Neuen Deutschland“, und auch als Gutachter und Wirtschaftsexperte in der neuen Finanzkrise betätigte er sich für „Konkret“, mit der er sich zwischenzeitlich zerstritten hatte. Auch wenn der Zusammenbruch des Systems auf sich warten läßt, trotz ständig neuer Krisenherde und ernsthafter Versprechen, daß jetzt wirklich alles den Bach runtergehen wird, Robert Kurz gingen nie die Argumente aus, wenn er darauf hinwies, daß das Ende des Systems einer logischen Entwicklung folgen würde und es nur eine Frage der Zeit sei, bis es soweit wäre. Und damit hatte er ja auch irgendwie Recht. Am Mittwoch, den 18. Juli, ist der im Dezember 1943 geborene Robert Kurz an einem Operationsfehler, wie seine Frau mitteilte, gestorben, und mit ihm vermutlich der letzte linke Dino, der sich um eine globale Weiterentwicklung der marxschen Theorie und um ihre Rettung vor den Kommunisten bemüht hat und bei dem die marxsche Werttheorie einen so großen Stellenwert eingenommen hat.

Buchveröffentlichungen in der Edition Tiamat:

- Weltkrise und Ignoranz. Kapitalismus im Niedergang Ausgewählte Schriften 1992 – 2012, Berlin 2013

- Die Welt als Wille und Design. Postmoderne, Lifestyle-Linke und die Ästhetisierung der Krise, Berlin 2013 (Neuauflage)

- Das Weltkapital. Globalisierung und innere Schranken des modernen warenproduzierenden Systems, Berlin 2005

- Die Welt als Wille und Design. Postmoderne, Lifestyle-Linke und die Ästhetisierung der Krise, Berlin 1999

- Der Letzte macht das Licht aus. Zur Krise von Demokratie und Marktwirtschaft, Berlin 1993

- Honeckers Rache. Zur politischen Ökonomie des wiedervereinigten Deutschlands, Berlin 1991



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