Cohen, Marcel:
Raum der Erinnerung
Tatsachen



Aus dem Französischen von Richard Gross

Critica Diabolis 217

Mit zahlreichen Fotos Broschur, 160 Seiten,
16.- Euro
ISBN: 978-3-89320-188-4

Als Marcel Cohen 1943 von einem Spaziergang auf dem Boulevard de Courcelles nach Hause geht, wird er Zeuge von der Verhaftung seiner Familie, die von der Polizei auf einen Lastwagen verfrachtet wird. Marcel Cohen war damals fünfeinhalb Jahre alt. Er verlor seine Mutter, seinen Vater, seine Schwester, seine Großeltern, zwei Onkel und eine Großtante, die in ein Vernichtungslager deportiert wurden.
Nach siebzig Jahren geht Marcel Cohen zurück an einen Punkt, der für ihn das Ende der Welt bedeutete. Anhand einiger weniger Gegenstände und Fotos, die ihm geblieben sind, rekonstruiert er mit minimalistischen Stilmitteln in acht Porträts seine Erinnerung, ohne das Terrain der Tatsachen zu verlassen. Dabei lässt er auch einige Familienmitglieder zu Wort kommen, die bereit waren, über die Ermordeten zu sprechen.

»Ich weiß nur zu gut, dass uns vertraute Gegenstände mit Blindheit schlagen: wir sehen sie nicht mehr an, und sie sprechen nur noch mit der Macht der Gewohnheit zu uns. Der Eierbecher in der Vitrine aber hatte, wenngleich nur sehr sporadisch, doch immer wieder Gelegenheit, in Marie Anwandlungen von Zärtlichkeit hervorzurufen. Man bewahrt einen so schlichten, angewelkten Gegenstand nicht sechs Jahrzehnte lang auf, ohne gewichtige Gründe dafür zu haben. Die Angst, ihn verschwinden zu sehen, verstärkt diese Bindung. Der kleine Eierbecher ist heute also nicht nur vergegenständlichte Erinnerung. Ist es überzogen, in ihm die Qualität dieses Erinnerns selbst, seine Textur zu sehen, etwas so Ungewisses wie die Spiegelung einer Aura?«
Marcel Cohen


Leseprobe als pdf
Cover in Druckqualität

SRF-Radiointerview mit der Schriftstellerin Cécile Wajsbrot, einer Freundin Marcel Cohens

Pressestimmen:

  • »Die Relikte und Erinnerungsfetzen ergeben keine konsistente Erzählung – natürlich nicht. Trotzdem weisen sie über sich hinaus. Obwohl vom Holocaust selten die Rede ist, ist er als absolutes Faktum stets präsent. Cohen macht die Leerstellen fühlbar, die der Genozid in seiner Biographie aufgerissen hat. Inmitten der disparaten Einzelheiten wird das Verschwundene als Verschwundenes sichtbar. Ein würdiges, unspektakulär-formvollendetes Buch, mit dem Cohen die Toten ehrt, ohne sie zu verklären.« (Arno Orzessek, Deutschlandradio Kultur)
  • »Das Buch ist weniger Literatur als vielmehr ein Stück Geschichte. Cohen erklärt seine Regeln: Keine Recherche, keine Fiktion. Sonst verwandeln sich die Menschen in Figuren, und genau das will er nicht. Es ist die Wahrheit, die am meisten schockt.« (Catarina von Wedemeyer, taz)
  • »Die Vergangenheit bleibt elementarer Teil der Gegenwart Cohens, sei es, dass er unwillkürlich die Straßenseite wechselt, wenn er an einem einst von Deutschen frequentierten Café vorbeikommt, sei es, daß er den Weg zum Hospital, in das seine Mutter mit seiner gerade geborenen Schwester vor der Deportation eingeliefert wurde, über 50 Jahre später noch erinnert. Vergangenheit ist nichts Abgeschlossenes, sondern drängt stets wieder ins Bewusstsein, in die Texte.« (Jonas Engelmann, konkret)
  • »Das Buch machte mich auf ein Manko in meinem Parisbild aufmerksam. Die wenigen Male, die ich in Paris war, hatte ich das Gefühl auf eine kompakte Stadt aus Gegenwart und Geschichte zu treffen, eine Stadt also, die ihre Vergangenheit in sich bewahrt. Aber auch Paris weist, wie jede andere europäische Stadt nach der Zeit der deutschen Okkupation nicht zu füllende Lücken auf. Hier wuchs mir während der Lektüre Klarheit zu. Es ist etwas unwiederbringlich zerstört worden. [...] Aus Fotos, Dokumenten und Gegenständen, die erhalten blieben, rekonstruiert Cohen das Leben seiner ermordeten Angehörigen. Und wie ihr Leben, muss diese Rekonstruktion unvollständig bleiben.« (Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry)
  • »Dieses Buch ist singulär in der Holocaust-Erinnerungsliteratur: Erst siebzig Jahre später fügt der Autor zum Bild zusammen, was er aus seinem emotionalen Gedächtnis holen konnte und nachträglich erkundete. Sein Verlust wiegt schwer. Deshalb schärft er bei den tastenden Schritten in jenem Raum der Erinnerung auch den Sinn des Lesers für Zeichen, wirklich erlebte und erzählte. Das Buch kann niemanden unberührt lassen.« (Cornelia Geissler, Frankfurter Rundschau)
  • »Ein seltenes und besonderes Buch, in all seiner Sachlichkeit zugleich erschütternd und tief berührend.« (Szenario)
  • »Ein Oeuvre, das ebenso bedeutend wie bewusst am Rand des Literaturbetriebs verortet ist. Nicht kalkuliert und nicht komponiert, geschrieben mit akribischer Aufmerksamkeit, seltsamer Abgelöstheit (die das genaue Gegenteil von Gleichgültigkeit ist) und beharrlicher Verweigerung an alles Laute, Schreiende, Klagende, Hadernde.« (la Croix)
  • »Ein großes, feinfühliges Buch, das man jedem ans Herz legen möchte.« (Lire)
  • »Die Serie ineinandergeschachtelter Porträts, die Marcel Cohen, wie mit zerbrochenen Bleistiften, zeichnet, lassen das Bild einer Familie erstehen. Seiner eigenen. Deren Mitglieder zum größten Teil in die Todeslager deportiert wurden und nicht zurückgekommen sind. 1943 war Marcel Cohen fünfeinhalb Jahre alt. Auf dem Boulevard de Courcelles, bei der Rückkehr von einem Spaziergang, sah er, wie die Polizei seine Familie in einen Lastwagen trieb. Dieses absolute und totale Ende der Welt ist der Ursprungsort des Buches. In diesem wackligen, ›von Schweigen, von Leerstellen, vom Vergessen‹ durchsetzten Bericht taucht aus den Erinnerungen – aus den eigenen, als er ein kleines Kind war, aus denen von Verwandten – nicht das Leben auf, aber die obsessive Idee, die Gesichter, einen Geruch zu rekonstruieren: ›eine Form für das Formlose zu finden‹. Marcel Cohen, ein Archivar des Nahezu-Nichts, ermittelt wie ein Journalist, manchmal wie ein Polizist.« (Le Monde)